Casinos Austria Kultur Talk: Zukunft der Musik im Digitalzeitalter

Was mir gefällt, entscheidet der Computer – Anlässlich der Präsentation des 35. Donauinselfests widmete sich der Casinos Austria Kultur Talk auf der Summerstage der Zukunft der Musik im Digitalzeitalter.

Sind dank Streaming & Co jetzt Algorithmen die neuen Hit-Macher? Schon nach ein paar Dutzend Songs weiß Spotify Bescheid. Der weltweit größte Musikstreaming-Dienst errechnet anhand des bisherigen Konsums, welche Art von Ohrenschmaus den Abonnenten und Abonnentinnen gefällt und macht Vorschläge. Bei Spotifys zahlreichen Konkurrenten wie Deezer, Tidal, Apple Music oder Amazon Music Unlimited läuft das genauso. Und überall bucht eine wachsende Zahl von Konsumenten und Konsumentinnen der Einfachheit halber gleich Pakete wie den „Mix der Woche“. Das Computerprogramm entscheidet, welche Art von bisher unbekannter Musik jemand überhaupt kennenlernt.

Wie kann sich unter solchen Umständen das Geschäft mit der aktuellen Musik entwickeln? Diese Frage stellte sich eine hochkarätige Podiumsrunde beim Casinos Austria Kultur Talk am Montag, dem 7. Mai 2018 auf der Summerstage.

Unter der Moderation von KroneHIT-Radiostimme Dani Linzer diskutierten die Sängerin und Komponistin Birgit Denk, der Musikproduzent Thomas Rabitsch, die Media Relations Managerin Carina Sattelberger, der Moderator und Autor Andy Zahradnik, Mojo-Blues-Band-Mastermind Erik Trauner, sowie der auch als Musikjournalist und Konzertveranstalter tätige Casinos Austria Vorstand Dietmar Hoscher.

Der Projektleiter des Donauinselfests Thomas Waldner wies gleich in seiner Begrüßung auf eine unerwartete Gemeinsamkeit zwischen dem Drei-Tage-Musikfest mitten in Wien und den Streaming-Plattformen hin. Beide bieten nämlich jungen Musikern die Möglichkeit, ein breites Publikum zu erreichen: „Auf der Donauinsel hören selbst bei den kleineren Acts am Nachmittag tausende Menschen zu und werden so auf noch unbekannte Newcomer neugierig. Genau das ist auch eines unserer Ziele, das Donauinselfest will eine Plattform für österreichische Musik sein.“Birgit Denk betrachtet die Streaming-Dienste freilich mit gemischten Gefühlen. Sie haben den Zugang zu Musik massiv erleichtert: „Die Nutzung von Musik ist so hoch wie nie zuvor, Musik ist allgegenwärtig, in der U-Bahn hat jeder zweite einen Stöpsel im Ohr.“

Doch das neue Vertriebsmedium hat auch die Art, wie Musik gemacht wird, massiv verändert: „Wenn ein Song erfolgreich sein will, muss er erstens kurz sein, zweitens rasch und ohne langes Prelude zur Sache kommen, und drittens abrupt abbrechen, damit die Hörer den Wunsch haben, ihn ein zweites oder drittes Mal zu spielen.“

Für Produzent Thomas Rabitsch liegt der größte Vorteil der Streaming Dienste darin, dass es „für Musiker viel einfacher geworden ist, an ein Publikum heranzukommen. Man lädt einen Song hoch, und wenn man es in eine der Playlists schafft, erreicht man schnell einmal zehn- oder zwanzigtausend User, die diese Nummer streamen.“ Gleichzeitig aber bringt diese größere Reichweite immer weniger Geld: „Die Plattformen zahlen minimale Beträge, und die gehen auch noch zuerst an die Plattenfirmen, die wieder einen Bruchteil, falls überhaupt, an die Künstler weitergeben. An diesem Geschäftsmodell verdienen alle, nur nicht jene, die eigentlich den Content liefern.“

Deshalb bleiben nach wie vor Live-Konzerte das Ziel junger Bands, berichtete die Media Relations Managerin Carina Sattelberger, die für die Künstleragentur ink.music Popgruppen betreut: „Man muss versuchen, die Präsenz auf den Streaming-Plattformen in Bekanntheitsgrad und Konzertbesuche zu übersetzen. Das ist gar nicht so leicht, denn bei vielen Usern geht die Musik von den abonnierten Playlists beim einen Ohr hinein und beim anderen wieder raus. Die wissen gar nicht, was sie da hören, der Name der Band bleibt nicht hängen, sie lassen sich sowieso passiv berieseln.“

Der Moderator und Autor Andy Zahradnik, der regelmäßig Marktstudien im Bereich der aktuellen Musik durchführt und Charts erstellt, wies darauf hin, dass Online-Vertrieb von Musik und der Verkauf physischer Tonträger weiterhin Hand in Hand gehen müssten: „Vom Umsatz her sind der digitale und der physische Markt annähernd gleich groß, die Wertschöpfung ist bei physischen Tonträgern aber höher.“ Letztere würden auch bleiben, der Vormarsch des Streamings gehe derzeit zu Lasten der Downloads, ein Online-Medium ersetzt das andere. „Tonträger zum Angreifen wird es immer geben, denn auf einen Stream kann ich mir kein Autogramm geben lassen.“

Im Laufe der Jahre haben die Streaming-Plattformen so umfangreiche Archive angesammelt, dass auch Musik aus weniger massentauglichen Nischen vertreten ist. Zum Beispiel finden sich auch die Gustostückerl der Mojo Blues Band auf Spotify & Co, obwohl sie dort nichts zu Einkommen der Gruppe beitragen, sagte Bandgründer und Gitarrist Erik Trauner: „Wer nicht zum Mainstream gehört, hat es schwer beim Streaming. Deswegen sind und bleiben wir eine Live Band. Das Live Erlebnis ist durch nichts zu ersetzen, ich glaube, dass das Interesse an Konzerten sogar steigt.“Eine Gefahr für die Vielfalt des Musikschaffens ortete auch der Gastgeber des Kulturtalks, Casinos Austria Vorstand Dietmar Hoscher: „Nischenproduktionen werden durch Algorithmen, die nur auf die Streaming-Häufigkeit abstellen, systematisch benachteiligt. Dazu kommt, dass die Musikschaffenden paradoxerweise mehr Hörerinnen und Hörer haben als früher, aber weniger Geld.“

Die Förderung von Live Musik gewinnt vor diesem Hintergrund besondere Bedeutung, betonte Hoscher und verwies auf die Casinos Austria Music Line, die Förderschiene, mit der gezielt österreichische Musik abseits des Mainstreams unterstützt wird. „Wir sehen diese Tätigkeit als Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung“, betonte Hoscher, „Ziel ist es, die Vielfalt zu fördern und kreatives Schaffen zu ermöglichen.“